{"id":1045,"date":"2025-11-18T17:07:02","date_gmt":"2025-11-18T15:07:02","guid":{"rendered":"https:\/\/davo1.de\/?p=1045"},"modified":"2025-12-18T10:04:00","modified_gmt":"2025-12-18T08:04:00","slug":"oeffentliche-stellungnahme-vom-verein-palaestinensischer-und-juedischer-akademikerinnen-pja-allianz-fuer-kritische-und-solidarische-wissenschaft-krisol-und-dem-davo-gfw","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/davo1.de\/de\/oeffentliche-stellungnahme-vom-verein-palaestinensischer-und-juedischer-akademikerinnen-pja-allianz-fuer-kritische-und-solidarische-wissenschaft-krisol-und-dem-davo-gfw\/","title":{"rendered":"\u00d6ffentliche Stellungnahme vom Verein Pal\u00e4stinensischer und J\u00fcdischer Akademiker*innen (PJA), Allianz f\u00fcr kritische und solidarische Wissenschaft (KriSol) und dem DAVO-GfW"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n<h2>zur Absage der LMU-Veranstaltung \u201eThe Targeting of the Palestinian Academia\u201c<\/h2>\n<p>Die am 17.11.2025 erfolgte Absage der geplanten Vorlesung \u201eThe Targeting of the Palestinian Academia\u201c (28.11.2025) durch die Universit\u00e4tsleitung der Ludwig-Maximilian- Universit\u00e4t M\u00fcnchen (LMU) ist ein schwerwiegender Eingriff in die verfassungsrechtlich garantierte Wissenschaftsfreiheit. Diese Absage ist nicht nur ein R\u00fcckschlag f\u00fcr den akademischen Diskurs \u00fcber die pal\u00e4stinensische Wissenschaft im Kontext schwerster V\u00f6lkerrechtsverletzungen durch Israel, sie wirft zugleich fundamentale Fragen nach Wissenschaftsfreiheit, institutionellem Rassismus und dem universit\u00e4ren Selbstverst\u00e4ndnis einer pluralistischen Hochschule auf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit<\/strong><\/h3>\n<p>Die LMU argumentiert, es habe \u201eZweifel\u201c am wissenschaftlichen Niveau der Veranstaltung gegeben. Diese Aussage wertet pal\u00e4stinensische Wissenschaftler*innen pauschal qua Herkunft ab, wie auch die LMU Hochschulangeh\u00f6rigen, die diesen Workshop organisierten. Es ist nicht Aufgabe der Hochschulleitung, das wissenschaftliche Niveau der von Wissenschaftler*innen ihrer Universit\u00e4t verantworteten Veranstaltungen zu bewerten. Die kritische Auseinandersetzung mit Inhalten erfolgt \u00fcblicherweise in Diskussionen w\u00e4hrend der<br \/>\nVeranstaltung oder in wissenschaftlichen Publikationen. Eine solche Auseinandersetzung wird durch die Absage der Veranstaltung unm\u00f6glich gemacht. Es entsteht der Eindruck, dass die Universit\u00e4t unbequemen Realit\u00e4ten aus dem Weg gehen will und sich der Staatsr\u00e4son beugt. Die Absage eines Workshops sendet das Signal, dass bestimmte Sichtweisen, Erfahrungen und<br \/>\nWissensbest\u00e4nde \u2013 insbesondere pal\u00e4stinensische Perspektiven auf israelische Gewalt, Fremdherrschaft und akademische Verfolgung \u2013 nicht legitim sind. Damit wird nicht nur die akademische Autonomie untergraben, sondern auch der Grundgedanke einer Universit\u00e4t als<br \/>\nRaum offener und kritischer Meinungsbildung verletzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Scholasticide<\/h3>\n<p>Ein zentraler Teil der geplanten Veranstaltung war die Auseinandersetzung mit dem Begriff des Scholasticide (die gezielte Zerst\u00f6rung und Unterdr\u00fcckung von Bildungseinrichtungen bzw. akademischem Leben). Dieser Begriff ist keine blo\u00dfe Metapher, sondern ein realer Ausdruck der Gewalt, die Pal\u00e4stinenser*innen in der akademischen Welt widerf\u00e4hrt: Universit\u00e4ten in Gaza, Bildungssysteme und akademische Strukturen sind zerst\u00f6rt und massiv beeintr\u00e4chtigt durch Besatzung, finanzielle Beschr\u00e4nkungen, Zerst\u00f6rung von Infrastruktur, T\u00f6tungen und Repression gegen Wissenschaftler*innen und Studierende. Die LMU verhindert durch die Absage, dass diese Perspektive in den deutschen wissenschaftlichen Diskurs eingebracht wird\u2013 aus Angst vor politischer Kritik. Das ist auch eine Verweigerung akademischer Verantwortung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Antipal\u00e4stinensischer Rassismus und politische Einflussnahme<\/h3>\n<p>Die Absage erfolgte keineswegs in einem Vakuum: Zuvor hatten sowohl das Netzwerk J\u00fcdischer Hochschullehrer (NJH) und mehrere CSU-Politiker*innen \u00f6ffentlich Kritik ge\u00fcbt, u. a. an eingeladenen pal\u00e4stinensischen Referent*innen. Derartiger politischer Druck auf eine<br \/>\nwissenschaftliche Einrichtung birgt die Gefahr, dass politische Macht \u00fcber akademische Inhalte bestimmt. Das ist nicht mit dem Selbstverst\u00e4ndnis einer unabh\u00e4ngigen Hochschule vereinbar. Dar\u00fcber hinaus ist die Absage ein Symptom einer breiteren Tendenz: In Deutschland gibt es Berichte<strong>\u00b9<\/strong> \u00fcber zunehmende Repressionen gegen\u00fcber pal\u00e4stinasolidarischen Stimmen in Universit\u00e4ten. Die Entscheidung der LMU k\u00f6nnte somit als Ausdruck eines antipal\u00e4stinensischen Rassismus verstanden werden, der systematisch kritische<br \/>\npal\u00e4stinensische Wissenschaft marginalisiert. So wie die Universit\u00e4t keinen Raum f\u00fcr Antisemitismus bieten darf, so darf dort auch antipal\u00e4stinensischer Rassismus keinen Platz haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Praktische Auswirkung<\/h3>\n<ul>\n<li><strong>Signalwirkung<\/strong>: Die Absage sendet ein fatales Signal an Studierende, Wissenschaftler*innen und die interessierte Bev\u00f6lkerung, die sich mit pal\u00e4stinensischen Realit\u00e4ten auseinandersetzen \u2013 dass bestimmte Themen als \u201ezu heikel\u201c gelten, um an deutschen Universit\u00e4ten offen diskutiert zu werden.<\/li>\n<li><strong>Vertrauensverlust<\/strong>: F\u00fcr Teile der akademischen Gemeinschaft, insbesondere f\u00fcr pal\u00e4stinensische Wissenschaftler*innen, aber auch international, kann das Vorgehen als Vertrauensbruch wahrgenommen werden: Eine Universit\u00e4t, die sich selbst als Ort des freien Denkens versteht, verweigert den Zugang f\u00fcr Stimmen, die auf Repression und Ungerechtigkeit hinweisen.<\/li>\n<li><strong>Langfristige Gefahr<\/strong>: Wenn Universit\u00e4ten auf politischen Druck hin kontroverse, aber wissenschaftlich legitime Veranstaltungen absagen, wird die akademische Autonomie insgesamt geschw\u00e4cht. Es verst\u00e4rkt ein Klima der Selbstzensur: Lehrende und Forschende, die sich mit politisch akuten Themen besch\u00e4ftigen, werden sich zu diesen zunehmend nicht mehr \u00e4u\u00dfern oder Veranstaltungen planen.<\/li>\n<\/ul>\n<h3><\/h3>\n<h3>Forderungen<\/h3>\n<p>Vor diesem Hintergrund fordern wir die LMU sowie die Leitung des Instituts f\u00fcr den Nahen und Mittleren Osten auf:<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Klare R\u00fccknahme der Absage<\/strong>: Die LMU sollte die Entscheidung \u00fcberdenken und die Veranstaltung mit pal\u00e4stinensischen Wissenschaftler*innen und Studierenden erm\u00f6glichen.<\/li>\n<li><strong>Garantien f\u00fcr akademische Freiheit<\/strong>: Die Universit\u00e4tsleitung ist grundrechtlich verpflichtet auch pal\u00e4stinensische Wissenschaft in Deutschland zu Wort kommen zu lassen.<\/li>\n<li><strong>Schutz pal\u00e4stinensischer Stimmen<\/strong>: Die LMU sollte proaktiv sicherstellen, dass pal\u00e4stinensische Wissenschaftler*innen weder durch institutionellen Ausschluss noch durch politischen Druck diskriminiert werden.<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Verein Pal\u00e4stinensischer und J\u00fcdischer Akademiker *innen (PJA), <a href=\"https:\/\/pja-verein.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/pja-verein.de\/<\/a><br \/>\nAllianz f\u00fcr kritische und solidarische Wissenschaft (KriSol), <a href=\"https:\/\/krisol-wissenschaft.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/krisol-wissenschaft.org\/<\/a><br \/>\nGremium f\u00fcr Wissenschaftsfreiheit DAVO, <a href=\"https:\/\/davo1.de\/de\/home\/gfw\/\">https:\/\/davo1.de\/de\/home\/gfw\/<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/davo1.de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/PJA-KriSol-DAVO-CAF-LMU-Stellungnahme_cleaned.pdf\">Download PDF<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>zur Absage der LMU-Veranstaltung \u201eThe Targeting of the Palestinian Academia\u201c Die am 17.11.2025 erfolgte Absage der geplanten Vorlesung \u201eThe Targeting of the Palestinian Academia\u201c (28.11.2025) durch die Universit\u00e4tsleitung der Ludwig-Maximilian- Universit\u00e4t M\u00fcnchen (LMU) ist ein schwerwiegender Eingriff in die verfassungsrechtlich garantierte Wissenschaftsfreiheit. 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